Stephan Kaluza

Kaluza

Biografie

Das Vermeintliche und das Verschwundene

Weder ein Vorher noch ein Nachher, sondern nur ein entzaubertes Da.*

Die Natur. In der künstlerischen Arbeit Stephan Kaluzas geht es grundsätzlich um sie, sei es in fotografischen oder malerischen Auffassungen; auch in seinem literarischen Oeuvre ist das spür – und nachlesbar. Während des Rheinprojektes ging der Künstler 1700 km am Ufer des Flusses entlang und schoss an die 50 000 Bilder, die er in der Folge zu einem langen Bildstreifen zusammensetzte, der den Rhein von der Quelle bis zur Mündung zeigte – eine Totalerfassung, die eine komplexe Landschaft für das menschliche Auge überhaupt erst erfahrbar machte. Im Anschluss wurden weitere Flüsse und Inselgruppen fotografiert, schließlich, in der Serie Felder, lag der Fokus auf Landschaften, die historisch „kontaminiert“ sind – die Schlachtfelder u.a. von Verdun, Somme, Waterloo, um nur einige zu nennen; ebenso fotografierte Kaluza weitere (Un-) Orte, die im kollektiven Gedächtnis nachhaltig verhaftet sind – die Gedenkstätten von Auschwitz, Buchenwald, Srebrenica und weitere.

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Ob nun Schlachtfelder oder Plätze des ehemaligen Grauens – die Motive der Natur stehen immer im Vordergrund dieser Bilder; so zeigen die Aufnahmen von Auschwitz insbesondere den Fluss Sola, der nahe der Gedenkstätte vorbeifließt. Es sind sommerliche Bilder im Grünen; Familien mit ihren badenden Kindern sind zu sehen, es mutet nahezu idyllisch an. So stellt sich die Frage nach der Rolle der Natur, oder besser – der vermeintlichen Natur. Gleich einer Oberflächenmatrix zeigt sie sich von der besten Seite, so, als sei dies ein Ort wie jeder andere, gefällig und zeitlos. Ganz, wie auch das überlange Bild vom Rhein die Zeit zu ignorieren scheint (Tages – und Jahreszeiten verschmelzen durch die Aufhebung der Bildränder), so steht sie auch hier im Vordergrund: Die Zeit der Natur setzt sich über Reminiszenzen und Bedeutungen hinweg, der Natur gilt ausschließlich der Fortbestand ihrer selbst.

„Dabei passt die von den Landschaften heute ausgehende Bedeutungsleere nicht zusammen mit der alles kommentierender Bedeutungsproduktion unseres historischen Bewusstseins. Denn als Schauplätze, die von wichtigen Ereignissen künden, haben sich die Landschaften verflüchtigt. Sie sind vom Auge des Fotografen so beschrieben, dass jede Interpretation übertrieben scheint, und dadurch, dass uns ihre Erscheinung als ganze und lückenlos dargeboten wird, lädt auch keine Auslassung zu weiteren Spekulationen und Assoziationen ein. Aus dieser Leere lassen sich keine Bedeutungen ableiten, die das Erscheinende so überhöhen, dass es als etwas Bedeutsames überdauert. Unsere Begegnung mit dem Bild von etwas, dem historische Bedeutung attestiert wurde, lässt uns so unbeeindruckt, dass wir ein hohes Maß an Distanz gewinnen, wodurch ein Nullpunkt der Wahrnehmung ermöglicht wird. Ja, schon lange schweigen die Toten, deren Opfer heroisiert wurde. Sie sind Teil einer abgeschlossenen Vergangenheit, von der die Landschaft nicht nur nichts mehr weiß, sondern auch nichts mehr in sich birgt.“ *

Die Malerei Kaluzas führt diesen Gedanken weiter; auch hier, wenn auch detaillierter, ist wiederum die Matrix von Naturzuständen zu sehen – Wasseroberflächen zumeist, aber auch simple Unterhölzer, sogar Gestrüpp. Ein Großteil dieser Bilder basiert auf den Fotografien dieser historisch belegten Orte, wie zum Beispiel die Serie „Sola“, die Wasseroberflächen dieses Flusses zeigt. Ein vermeintliches Idyll wird gemalt; erst im Wissen um diese Orte erhalten diese Bilder eine zweite Ebene – die ostentative Schönheit der Natur im Nunc Stans, im zeitlosen Jetzt, wird eine hinterfragbare. Diesen Gedanken überträgt Kaluza auch auf sehr persönliche Reminiszenzen; u.a. malte er eine Brandung an der brasilianischen Küste, in der er einige Jahre zuvor beinahe ertrunken wäre. Die zweite, hintergründige Ebene dieser Bilder ist also, wenn man so will, eigentlich die erste; es geht hier weniger um das Abmalen des Sichtbaren, als um das Erkunden dessen, was sich hinter der Kraft der Natur verbirgt.

Wie bereits in einer älteren Serie, The Disappeared, werden auch diese Bilder seriell aufgefasst. Der Malerei wird die Farbe genommen, die Gemälde scheinen zunehmend zu verblassen. Am Ende eines solchen Prozesses steht eine nahezu weiße Fläche, das Nichts. Dieser Ansatz versteht sich kritisch als Hinweis auf menschliche Eingriffe in die Natur. Denn sie ist weder eine Konstante, noch ist sie ewig; die Malerei Kaluzas zeigt sie vieleher als fragil, als zerstörbar und hilflos. So, wie sich die Natur zunehmend aus dem Sichtfeld des Menschen zu entziehen scheint, so scheint die Naturschönheit in ihrer Gänze zu verschwinden; der Weg ist freigemacht für eine reine Menschenwelt, für eine artifizielle Kunstwelt von und für den Menschen. Wenn Friedrich Nietzsche diese noch als Ziel und Erlösung vom irdischen Leid verstand, so ist diese Wandlung nahezu vollzogen; die Natur begegnet dem modernen Menschen bereits jetzt eher in wiederkehrenden Katastrophen und besonders in klimatischen Umwälzungen; die Natur besteht nunmehr fast ausschließlich in der Angst um ihren völligen Verlust. Ein Trauma, das diese Malerei aufgreift und künstlerisch-seriell zu umreißen versucht.

Die Motive der Serien gliedern sich in Elementen; dem Wasser fällt eine besondere Rolle zu, ebenso dem Himmel (der Atmosphäre) und den Wäldern. Das serielle Verblassen und Verschwinden ist allen gemein, trotz oder gerade wegen der besonderen Detailtreue dieser fotorealistischen Bilder. Die Nachahmung der Natur, die Mimesis, folgt selbst dem letzten Akt ihres Verschwindens und zeigt so eine weitere Variante dieser Malerei an – Nachahmung versteht sich hier nicht als Kopieren, sondern als ein Nach-Empfinden der Schöpfung, die auf diese Weise tiefer verstanden werden will; Malerei als Scouting, als Erkundung einer Welt, die uns (noch) umgibt.

*Zitate aus „Felder“ v. H.N. Jocks

PROJEKTE

Ausstellungen

Stephan Kaluza – Transit (II). Malerei

In ihrer ersten neuen Ausstellung in diesem Jahr zeigt die Düsseldorfer Galerie Geuer & Geuer Art über 30 neue Werke des renommierten deutschen Malers und Fotografen Stephan Kaluza, die er eigens für diese Galerieausstellung geschaffen hat. Die mit „Transit (II)“ betitelte Einzelausstellung, die am 31. Januar um 19 Uhr im Beisein des Künstlers eröffnet wird, konzentriert sich auf das Thema der Landschaftsmalerei. Es werden ausschließlich größere und kleinere Ölgemälde aus dem Jahr 2019 zu sehen sein.

Bekannt für seine großformatigen, fotorealistischen Leinwandarbeiten, die neben Landschaften auch Porträts bekannt Persönlichkeiten zeigen, beeindrucken Kaluzas gigantische Ölgemälde mit einer atemberaubenden Präzision, welche die malerischen Werke auf den ersten Blick wie Fotografien erscheinen lassen. Doch der Schein trügt, so wie auch die landschaftliche Idylle, die Kaluza in seinen Bildern zeigt. Oftmals eröffnet sich eine zweite Bildebene über den Bildtitel, der die vermeintliche Idylle kontrastiert und als einen einstigen Ort des Schreckens offenbart: Verdun, Waterloo, Auschwitz.
In „Transit (II)“ führt Kaluza, der auch als Autor und Regisseur erfolgreich arbeitet, seinen 2018 begonnen, gleichnamigen Zyklus weiterfort, deren erste Werke damals vom Ludwig Museum in Koblenz präsentiert worden waren. Auch in seiner Weiterführung setzt sich der studierte Künstler, Kunsthistoriker, Philosoph und Geisteswissenschaftler – Kaluza verfügt über mehrere Universitätsabschlüsse gleichzeitig – mit den Facetten der Natur auseinander. Pflanzen, Bäume und Wasser werden detailgetreu nachempfunden, Licht und Schatten spielerisch inszeniert. Dabei geht es Kaluza nicht um das Nachahmen und Kopieren von Vorgefundenem, sondern um das Innehalten und kontemplative Nachempfinden der Schöpfung sowie um das sinnliche Heran- und Abtasten der Natur und ihre Einverleibung.

„Der tiefere Grund dieser Einverleibung von Motiven liegt sicher in der Sehnsucht nach Einklang und Einswerdung mit dem Wahrgenommenen, und zwar auf eine überraschende, unplanmäßige Art“, so Kaluza, der seine Malerei auch als „Scouting“ versteht „als Erkundung einer Welt, die uns (noch) umgibt; eine Welt die man bereits als eine „Durchgangsstation“, als einen bewegt-bewegenden Transit der Flüchtigkeit begreifen kann.“

Werke des Künstlers finden Sie hier.